2005-1 Der Schatz im Dittrichschacht

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Bestandsaufnahme

Als nun deutsche Sachverständige und Kriminalisten eine Bestandsaufnahme durchführten, musste festgestellt werden, dass die Sammlungen nicht mehr komplett waren. Viele gute Stücke, darunter auch die wertvollsten Stücke aus einem Safe einschließlich der beiden Mauritius-Marken, die komplette Bogensammlung und anderes Material fehlten. Viele Vermutungen über mögliche Ursachen der Verluste wurden laut, und hektische Ermittlungen begannen. Es wurde den kuriosesten Hinweisen nachgegangen. So sollte ein Victor Panin aus Odessa eine Mauritius besitzen. Sofort eingeleitete Überprüfungen ergaben jedoch, dass es nicht eine der beiden vermissten Raritäten, sondern eine noch häufig vorhandene spätere Markenausgabe dieses Landes war, die er besaß. Andere Spuren führten nach Südamerika. Auch viele deutsche Bürger, nun angelockt von einem zu erwartenden Finderlohn in vier- oder fünfstelliger Höhe, meldeten sich, ohne dass den intensiven Ermittlungen ein Erfolg beschieden war. Nachforschungen im Umkreis der ehemaligen Angehörigen der Besat¬zungsmacht, die die Beschlagnahme und den Abtransport verfügten und durchführten, waren tabu und konnten nicht erfolgen.

Was kaum noch jemand erwartet hatte: Das vermisste wertvollste Teil der Sammlung, der unversehrte kleine Wandtresor, tauchte knapp 30 Jahre später wieder auf. 1976 bot ein Amerikaner dem Londoner Briefmarkenhändler Robson Lowe diesen Schatz zum Kauf an. Wie bei Gemälden, so sind auch Briefmarken von solch großer Seltenheit nicht einfach zu verkaufen. Der britische Händler erkannte die Brisanz dieses Verkaufsangebotes sofort und meldete den Vorgang Scotland Yard, der Londoner Kriminalpolizei. Nach Anlauf der Untersuchungen stellte sich der Anbieter selbst der Zollfahndung in Philadelphia (USA). Seine Erklärung war, dass ihm 1945 diese Marken von einem älteren Deutschen zum Kauf angeboten wurden und so in seinen Besitz gelangt wären. Offenbar schenkte man dem des Diebstahls Verdächtigten gern Glauben. Der Name des Anbieters wurde aber - aus welchen Gründen auch immer - lange Zeit nicht bekannt gegeben. Schließlich veröffentlichte „Linn’s Stamp News“ am 29. Oktober 1990 unter der Überschrift „German reunification prompts Customs to return Reichspostmuseum stamps“ einen umfangreichen Artikel, in dem erstmalig auch der Name des ehemaligen Angehörigen der Besatzungsmacht in folgendem Zusammenhang genannt wurde: „Sweeney told officials the stamps were a gift from a grateful German couple whom he had helped to escape from the advancing Russian army in 1945“.

Sweeney war inzwischen schon zehn Jahre tot, er war im Jahre 1980 verstorben. Er konnte zur Sache nicht mehr gehört werden. War es die gleiche Person, welche mit der Auslagerung aus dem Dittrichschacht beauftragt war? Es ist Spekulation, wohl aber sehr wahrscheinlich, dass dieser ehemalige Armeeangehörige schon Anfang Juni 1945 die wertvollen Stücke ungerechtfertigt an sich nahm und sich mit der erfundenen Geschichte reinwaschen wollte.

Seit 1977 lagerte das mit Panzerglas gesicherte Behältnis mit den beschlagnahmten außerordentlich wertvollen Stücken beim Zoll in Philadelphia/USA. Jeder der beiden deutschen Staaten erhob daraufhin Anspruch. Weil für die amerikanischen Behörden die Rechtsnachfolge des ehemaligen Reichspostministeriums als ungeklärt galt, blieb der kleine Tresor in den Vereinigten Staaten. Dieses Hindernis verschwand am Tag der Wiedervereinigung Deutschlands. Am 18. Oktober 1990 lieferte der Zoll in einer wiederum streng gehüteten Aktion und mit den nötigen polizeilichen Schutzmaßnahmen den streng gehüteten Schatz bei der Deutschen Botschaft in Washington ab. Die acht Briefmarken mit einer sehr bewegten Vergangenheit und einem unschätzbaren Wert, deren Weg über Eisleben führte, waren nun beim rechtmäßigen Besitzer, dem deutschen Staat. Am 28. November 1990 wurden sie vom damaligen Postminister Schwarz-Schilling anlässlich einer Briefmarkenmesse in einer Panzerglasvitrine erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Im März 2000 wurde im vereinten Berlin das Postmuseum nach umfangreicher Restaurierung eröffnet. Der Schautresor mit den Weltraritäten ist nun wieder in Berlin.

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