2005-1 Der Schatz im Dittrichschacht

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Der Abtransport

Das mag die Amerikaner bewogen haben, aus dem Gebiet, das sie nun bald wieder verlassen sollten, entgegen getroffener Vereinbarungen noch gute Kriegsbeute mitzunehmen. Aus den geforderten Listen war der Besatzungsmacht bekannt, dass nicht nur kriegswichtige Materialen im untertägigen Gewahrsam lagerten, sondern auch wertvolle Kulturgüter.

Am Nachmittag des 9. Juni 1945 erschienen auf dem Dittrichschacht zwei Offiziere der amerikanischen Armee und verlangten, die gemeldeten Einlagerungen zu sehen. Sie wurden jedoch von Aufsichtsbeamten des Schachtes abgewiesen. Am 11. Juni erschienen erneut vier Angehörige der Besatzungsmacht mit einer Vollmacht, die auf der 380-m-Sohle eingelagerten Gegenstände zu besichtigen. Nach dieser Inspektion wurde angekündigt, das eingelagerte Gut am 15. Juni aus dem Schacht zu fördern und abzutransportieren. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte die Schachtfördereinrichtung so verändert werden, dass der Transport auch der großen Kisten möglich wurde. Aber bereits am Nachmittag des gleichen Tages wurde der für die Schachtanlage Hauptverantwortliche noch einmal aus seiner Wohnung abgeholt und zum Dittrichschacht gebracht. Dort wurde ihm befohlen, sofort alles Transportfähige herauszuholen zu lassen. Durch eine Verzögerungstaktik konnten an diesem Tage jedoch nur einige wenige Gegenstände mitgenommen werden. Bereits vor dem vereinbarten Termin wurden am 12. Juni alle transportfähigen Pakete und auch acht kleinere Kisten herausgeholt und der deutschen Zuständigkeit entzogen. Schließlich konnte nach den befohlenen Änderungen an der Schachtförderung am 15. und 16. Juni auch das restliche Lagergut zu Tage gebracht und abtransportiert werden. Insgesamt umfasste der im Sprengstofflager eingelagerte Reichspostschatz über 70 Kartons, Kästen und Säcke, 221 Pakete und 201 Kisten.

In einer Aktennotiz vom 10.7.1945 heißt es dazu: „Bei der Besichtigung der eingelagerten Gegenstände der Reichspost auf der Kalisohle, die zwei Tage vor dem Abtransport erfolgte, hat der Unterzeichnete mit dem Leutnant Sweeny (?) von der Militärregierung Seekreis verhandelt. Der betreffende Leutnant wurde ihm von Herrn Dr. Stahl als der von dem Kommandanten mit der Auslagerung beauftragte Offizier bezeichnet und war im Besitz unseres offiziellen Schreibens, in dem wir der Militärregierung Meldung erstattet hatten. Die Erteilung einer Quittung bzw. Zurücklassung der zusammen mit den Gegenständen der Reichspost untergebrachten Privatgüter der Reichpostbeamten wurde abgelehnt.“

Die Pakete und Kisten wurden auf Militärkraftwagen verladen und unter der Leitung eines Majors Perham nach Marburg gebracht. Wie später bekannt wurde, wollte bereits im April 1946 der amerikanische General und stellvertretende Militärgouverneur für Deutschland, L. D. Clay, zunächst die beschlagnahmte Briefmarkensammlung des Reichspostmuseums in den USA vermarkten lassen. Das Vorkaufsrecht sollte die Bibliothek des amerikanischen Kongresses erhalten. Die Entscheidung fiel dann aber doch anders aus. Schließlich wurden am 30. Mai 1949 diese Museumsschätze der Hauptpostverwaltung der drei Westzonen in Wiesbaden übergeben. Einzige Bedingung war, dass sich die Verwaltung verpflichten sollte, die Unversehrtheit der Sammlung nicht zu zerstören.

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