2011-1 500 Jahre Stolln im Mansfelder Bergrevier: Der Roßstolln


Dr. Wolfgang Eisenächer würdigt in diesem Beitrag die erste Erwähnung des Roßstolln vor 500 Jahren und gibt in diesem Zusammenhang einen interessanten Einblick in die Zeit des Beginns der Errichtung solcher imposanter untertätigen Bauwerke zur Beherrschung des Wassezuflusses in die Gruben.


500 Jahre Stolln im Mansfelder Bergrevier: Der Roßstolln

Dr. Wolfgang Eisenächer

Nach 300 Jahren Kupferschieferabbau waren um 1500 im Eislebener Berg schon recht erhebliche Teile der Lagerstätte, die aus den Bachtälern heraus leicht erschließbaren Talflankenfelder, ausgeerzt. Die Abbaue gingen schon unter den Talsohlenniveaus um und verlangten einen ständig höheren Aufwand für die Wasserhaltung. Bei einer Kupferförderung von fast 1.000 t/a war nach 10 Jahren 1 km 2 Flözfeld verhieben, die Abbaue rückten (idealisiert) im 6 km langen Eislebener Berg zwischen Wolferode und Ziegelrode jährlich 20 m nach Osten und 2 bis 3 m in die Tiefe voran. Es wurde ein in möglichst großer Tiefe in der Lagerstätte verlaufender und die bisherigen Abbaue unterteufender Stolln nötig, ein nahezu waagerecht verlaufender unterirdischer „Gang“, in dem die Grubenwässer sich sammeln und bei leichtem Gefälle bis zur Erdoberfläche – etwa in einem tiefen Tal – frei auslaufen können, ein Bauwerk, das auch als Transport-, Wetter- (Frischluftzufuhr) strecke sowie der Erkundung der Lagerstätte dient. Entsprechende Ansatzpunkte für solche Stolln befinden sich nur in beträchtlicher Entfernung von der Lagerstätte, was lange Querschläge im hangenden Deckgebirge und auch lange Auffahrzeiten verlangte.

Voraussetzung für ein solches teures Bauwerk war eine zentrale administrative Leitung des Bergbaubetriebes, denn die einzelnen Hüttenmeister arbeiteten wenig kooperativ, legten ihre Schächte verstreut über das gesamte Abbaugebiet nach eigenen Aspekten an, wechselten nach Erschöpfung des jeweiligen Schachtfeldes (Lebensdauer 5 bis 6 Jahre) die Baupunkte. Es war nicht ab zusehen, wo nach 10 oder 20 Jahren die Baufelder liegen würden, wessen Feld er in den Genuss eines solchen Stolln kommen würden. Darum wurden große Stolln „amtlicherseits“ zu Gemeinschaftsunternehmen deklariert und von jedem Feuer (Schmelzeinheit, Ofen) ein Baukostenbetrag – für den Roßstolln zunächst ein Zentner Kupfer jährlich – erhoben, 60 Ztr./a im Eislebener Berg im Wert von 700 Gulden, zusätzlich zur bisherigen Bergbauumlage gleicher Höhe, um das 1530 auf 3.000 Gulden aufgelaufene „Vorgestreckte“ wieder abzutragen.

Unter diesen Voraussetzungen/Notwendigkeiten wurde der Roßstolln in Helfta am Ausgang des Hüttengrundes in +130 (m über NN) angesetzt und unter dem Tal in Richtung West 2,4 km weit auf Neckendorf zu getrieben, wo er ca. 70 m unter Tage das hier steil stehende und teilweise schon abgebaute Kupferschieferflöz erreichte. Ab hier nach NW ausgelenkt, würde er in seiner Teufenlage (+135/+140; 1 m Anstieg/km) durch den gesamten Eisleber Berg getrieben, einen 6 km langen und 450 bis 500 m breiten Flözstreifen mit etwa 35.000 t Kupferinhalt erschließen.

Die erste Nachricht vom Roßstolln stammt aus dem Jahre 1511, die Jankowski als „Beginn des Stollnbauzeitalters im Mansfelder Bergbau“ kreiert. Sie besagt, es solle die „Kunst uffn ruststolln“ nicht eingestellt werden, weil ihr Wasser „den Gewerken im Teufelstal nützlich“ sei. Das heißt, der Stolln hatte ein Abbaufeld unterfahren, dessen Wasser bisher zutage gehoben und von den Hütten im Hüttengrund als 500 Jahre Stolln im Mansfelder Bergrevier: Der Roßstolln zusätzliches Kraftwasser genutzt wurde.

Dieses Wasser hätte nun über den Stolln abgeschlagen und die Kunst stillgelegt werden können. Aufgrund der Geländemorphologie kann sie nur inner halb eines Bereiches zwischen Neckendorf und ca. 400 m nordwestlich davon angenommen werden, denn sonst hätte das zutage gehobene Wasser den Hütten nicht zugehen können. Somit war der Stolln 1511 etwa 2,4 bis 2,8 km lang, wozu bei (geschätzten) 150 m jährlicher Auffahrung 18 Jahre erforderlich gewesen wären, was zum Baubeginn um 1490 führt. Das Stollnbauzeitalter hat somit 20 Jahre früher begonnen als propagiert. Nach weiteren 15 Jahren Bauzeit konnte der Stolln in die großen Abbaugebiete westlich Wolferode, Hirtenberg und Saugrund einkommen, was 1533 jedoch noch nicht geschehen war und für 1535 erwartet wurde.

Mit dem Einkommen des Stolln in die großen Baufelder westlich Wolferode stellte sich eine bisher ungenügend beachtete Tatsache als Problem heraus. Als tiefstes Bauwerk in der Lagerstätte entwickelte der Stolln eine Brunnenwirkung, wurde (gewollt) zum Wassersammler für die im Areal versickernden Niederschläge (etwa 200.000 m 3 /km2jährlich, das sind 0,5 m3/min), die dem Stolln zugingen. Dabei reicht das Einzugsgebiet weit über die jeweilige Fläche hin aus, und die abgebauten Flächen kommunizierten hydrologisch, auch über die (stark wasserführenden) Hangendschichten. Darüber hinaus versickern Fremdzuflüsse, die den Lagerstättenausbiss querenden Bäche, in diesem. Die Bäche vom Sau- und Pfaffengrund wurden zu Rinnsalen. Sogar aus der „Bösen Sieben“, die im Bereich Wimmelburg (+165 m) noch gegenwärtig einen Teil ihrer Wasserführung verliert, wird über den verkarsteten Untergrund dem zwar 800 m weiter westlich, aber 30 tiefer verlaufenden Stolln Wasser zugegangen sein.

Mit Erreichen der Wolferöder Baufelder zapfte der Stolln ein etwa 3 km2 großes Areal an (bis zum Goldgrund), das vermutlich 3 bis 4 m3 Wasser/min spendete. Damit dürfte die Kapazität des engen (1 m) und gefällearmen Stollns (ca. 0,1 %) erschöpft gewesen sein. Hinzu kam, dass die aus dem Stolln heraus „nach oben“, zu den alten ersoffenen Bauen getriebenen Abbaue bzw. die zwecks Wetterwechsel aufgefahrenen Strecken oft unvermittelt in die alten Baue einschlugen und das äußerst mobile Standwasser verheerend durchbrach (3000 m3 /ha im Versatz, gleichviel im unmittelbaren Hangenden).

1538 brach in der Mittelzeche (Wolferode) „Wasser dick wie ein Bierfass“ ein, im gleichen Jahr ertranken hier 38 Bergleute bei einem Durchbruch. Der Stolln nahm Schaden, musste repariert werden, und das subtile Sümpfen der ersoffenen Baue erforderte viel Zeit, um den Stolln nicht zu überlasten; der Vortrieb verlangsamte sich, musste schließlich nahezu aufgegeben werden.

1529, noch unter Mitarbeit des Hüttenmeisters Hans Luder, wurde der „erscholl am ruststoll über Eisleben“ geplant (oberhalb der Altstadt, etwa an der Klippe in +130m), ein „Erbstolln“, der „rechter Hand im Grunde hinauf gefahren“, nach 20 Jahren (3,6 km) etwa 800 m westlich Wimmelburg das Flöz im Niveau des Roßstollns erreichen sollte, die „vor diesem liegenden Wasser“ zapfen und dadurch dessen Weiterbetrieb ermöglichen oder ihn völlig ersetzen konnte. Das Vorhaben unterblieb, die generelle Lösung sollte der Rißdorfer Stolln bringen. 1545/46 in +100 m bei Unterrissdorf angesetzt, erreichte er jedoch infolge großer Schwierigkeiten erst um die Jahrhundertwende das Flöz.

Als Interimslösung entstand der Krugstolln, 1542/43 in +165 m in der Radstube der „Hütte vor der Wiesen“, auch „Hütte zum Krug geheißen“, (Wimmelburg) begonnen, der nach sechs Jahren die Lagerstätte westlich Kreisfeld erreichen, den aufgegebenen Erbstolln funktional teilweise ersetzen sollte und, bis Ziegelrode getrieben, ein beträchtliches Flözfeld erschloss. Die Nebenwirkungen waren katastrophal; die Wasserführung des Böse-Sieben-Oberlaufes verringerte sich dermaßen, dass alle zwölf Hütten oberhalb des Klosters Wimmelburg in den 50er Jahren wegen Wassermangel ihren Betrieb einstellen mussten.

Bis zum Einkommen des Rißdorfer Stollens musste der überlastete, schon 100 Jahre alte Roßstolln voll funktionstüchtig erhalten werden als die bis dahin tiefste Wasserablaufsohle im südlichen Eisleber Berg; und noch weiter darüber hinaus hat er seine Bedeutung nicht verloren. 1674, nach der „Freilassung“, ist er noch zu bergbaulicher (geplante Abbaue südöstlich Neckendorf) und wasserwirtschaftlicher Nutzung „gemutet“ worden. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert hat er der Wasserversorgung der Domäne Helfta sowie der Gemeinde gedient und hieß Dorfstolln. Berger/Helfta fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Querschlag noch begehbar, auf 80 m gemauert, dann „in gut erhaltener eichener Zimmerung stehend“.

Ein letztes Mal äußerte sich der Stolln in den Jahren 1982 bis 1986, als in den Gärten zwischen Hüttengrundbach und der Klausstraße an der Stelle des verschütteten Mundloches eine Quelle sich auftat, die ca. 30 bis 40 Liter/min schüttete und die Keller der anrainenden Gehöfte unter Wasser setzte. Sie versiegte abrupt 1986 nach dem Erdfall, der die B 180 bei Neckendorf unpassierbar machte.

Die Erwähnung des Roßstollns zur Wasserabführung aus den Grubenbauen des Kupferschieferbergbaus im Jahre 1511 ist ein besonderes Ereignis der örtlichen Bergbaugeschichte und verdient es, auch 500 Jahre danach besonders gewürdigt zu werden.

 

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